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KAPITALANLAGE ALS HEBEL FÜR ESG

Im Interview mit Gregor Farnschläder, Konzern Versicherungskammer
Investoren orientieren sich heute nicht nur am finanziellen Erfolg von Unternehmen, sondern auch an deren Leistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance. Gregor Farnschläder ist Hauptabteilungsleiter Anlagestrategie und Beteiligungen für den Konzern Versicherungskammer, einen der größten Erstversicherer in Deutschland. Im Interview gibt er Einblick in die Bedeutung nachhaltiger Investments für seine Organisation.

Herr Farnschläder – Welche Bedeutung hat das Thema ESG für die Versicherungskammer? Wie entscheidend sind ESG-Kriterien bei Ihren Investitionsentscheidungen?

Gregor Farnschläder —

Für uns als Versicherer ist Nachhaltigkeit heute ein zentraler Bestandteil unserer Unternehmensstrategie. Der Konzern Versicherungskammer als Unternehmen mit öffentlichem Auftrag steht gegenüber der Gesellschaft in einer besonderen Verantwortung. Außerdem sind wir unseren Kunden verpflichtet: Wir müssen sicherstellen, dass wir unsere wirtschaftlichen Verpflichtungen langfristig erfüllen können. Dazu ist es wichtig, dass wir die Chancen und Risiken aus den gegenwärtigen Transformationsprozessen frühzeitig erkennen. Eine veränderte CO2-Bepreisung oder die demografische Entwicklung können die Profitabilität von Unternehmen, in die wir investieren, mitunter stark beeinflussen – je nachdem, wie gut diese Unternehmen auf die Veränderungen vorbereitet sind.

Das heißt: Sie beziehen ESG-Kriterien konkret in Ihre Entscheidungen ein.

GF —

So ist es. Wir sind uns bewusst, dass unsere Kapitalanlage ein Hebel bei der Förderung von ESG-Prozessen sein kann. Durch gezielte Investitionen, zum Beispiel in erneuerbare Energien, leisten wir einen aktiven Beitrag zur Energiewende. Wir haben Ausschlusskriterien bzw. Mindeststandards festgelegt, die unserem Unternehmensverständnis in der Sparkassen-Finanzgruppe, ihr gehören wir ja an, entsprechen. Dabei orientieren wir uns an den internationalen Rahmenwerken. So investieren wir zum Beispiel nicht in Unternehmen, die in die Herstellung von kontroversen Waffen involviert sind. Außerdem gehört für uns zum nachhaltigen Wirtschaften, dass die sozialen Standards wie Menschenrechte, Arbeitsnormen und Compliance eingehalten werden. Demzufolge meiden wir Investitionen in Unternehmen, die gegen den UN Global Compact verstoßen.

ESG ist auch ein Daten­thema. Dies hat der Markt noch nicht gelöst.«

Haben Sie als institutioneller Investor gegenüber dem Privatanleger andere Anlagemöglichkeiten?

GF —

Vom Grundsatz her gehen wir wie jeder andere Anleger auf klassischem Weg an den Kapitalmarkt. Dabei tätigen wir unsere Investitionen direkt und indirekt. Die direkten Investitionen betreffen hauptsächlich Immobilien und festverzinsliche Wertpapiere – Anleihen also, die wir von den für uns relevanten Unternehmen erwerben, auch aus dem Bereich Infrastruktur. Unser indirekter Anlageweg kommt zum Beispiel bei Aktien ins Spiel. Hier investieren wir über sogenannte Spezialfonds, die wir in der Regel zu 100 % halten. Dazu vergeben wir Management-Mandate und geben den Asset-Manager:innen vor, nach welchen Grundsätzen bzw. in welche Art von Unternehmen sie investieren sollen. Der direkte Anteil hat in letzter Zeit zugelegt. Aufgrund der besseren Kostenstrukturen wollen wir diesen Bereich auch weiter ausbauen.

Wie genau darf man sich den Findungsprozess für eine Direktanlage vorstellen?

GF —

Generell berücksichtigen wir auf dem Weg zu unseren Targets die übergeordneten Trends. Dann analysieren wir das Umfeld, in dem das jeweilige Unternehmen agiert, an dem wir mit unseren Expert:innen interessiert sind. Im Zuge dessen schauen wir uns auch die materiellen ESG-Aspekte an, die die Profitabilität des jeweiligen Unternehmens heute und zukünftig beeinflussen können. Standards und Rahmenwerke wie die SDGs, also die Sustainable Development Goals, helfen uns dabei. Neben Profitabilität und Nachhaltigkeit haben wir aber auch weiterhin unsere übrigen Kriterien im Blick wie Portfoliodiversifikation oder Liquidität. Wir müssen bei unseren Investitionen etwa darauf achten, dass wir in der Summe unseren Zahlungsverpflichtungen zu jeder Zeit sicher nachkommen können.

Wie groß sind Ihre Möglichkeiten, als Investor die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen gezielt zu verbessern?

GF —

Zunächst einmal muss man festhalten: Die Veränderung kommt immer aus den Unternehmen selbst. Künftig wird sich aber bei den Direktinvestitionen unser Engagement als aktiver Eigentümer zunehmend als wirkungsvolles Mittel erweisen. Das heißt, wir sprechen mit den Unternehmen direkt über die Themen, die uns wichtig sind.

Bei dem Thema Aktie als indirekter Investition ist das etwas schwieriger. Aber auch hier können wir mittelbar Einfluss nehmen, indem wir sicherstellen, dass die von uns beauftragten Kapital¬verwaltungsgesellschaften bei der Wahrnehmung von Stimmrechten unseren Prinzipien folgen. Wie stark wir Einfluss nehmen können, hängt letztlich auch von der Höhe unserer Investition ab.

Die Zukunftsbranchen erfordern neues Know-how und ggf. auch neue Strukturen. Inwiefern müssen sie diese noch aufbauen?

GF —

Struktur- und Know-how-relevant sind für uns vor allem Assetklassen, in die wir direkt investieren. Der Bereich Infrastruktur etwa ist mit seinen Themen wie erneuerbare Energien sehr komplex. Die dafür erforderliche Kompetenz haben wir inhouse. Dort, wo wir neues Know-how benötigen, holen wir uns zusätzliche Kompetenz ins Haus. Wir kommen aus einer Welt, in der wir in sehr ähnlich strukturierte Produkte investiert haben, zum Beispiel in Staatsanleihen. Heute geht die Tendenz immer stärker in Richtung „taylor-made“, was ein ganz anderes Know-how erfordert. Das heißt: Unsere Tätigkeit ist in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich anspruchsvoller geworden.

Zurzeit müssen sich die Marktteilnehmer noch mit vielen ESG-Standards auseinandersetzen. Welche sind für Sie besonders relevant?

GF —

Wir fokussieren uns auf die, die im Markt eine starke Verbreitung haben. Dazu zählen die Principles of Responsible Investment, die wir 2019 unterzeichnet haben. Parallel dazu schauen wir darauf, wie sich der Markt entwickelt. Dabei haben wir vor allem die EU-Regulatorik im Blickfeld, die seit März des vergangenen Jahres in die Umsetzung gegangen ist.

Man kann aktuell beobachten, dass sich einige Standards annähern, zum Beispiel durch die Konsolidierung des Climate Disclosure Standards Board und der Value Reporting Foundation unter dem Dach des neuen International Sustainability Standards Board (ISSB). Ich denke, das ist eine sinnvolle Entwicklung, weil wir im Moment eine Vielzahl von Standards haben, die sich alle auf denselben Bereich beziehen.

Für die Erfüllung von Standards bedarf es Daten.

GF —

In der Tat. Das Datenthema ist vom Markt noch nicht gelöst. Wer erhebt die Daten? Wie lassen sie sich verwalten? Hier gibt es zurzeit spannende Entwicklungen. Was wir wissen: Das Thema hat eine hohe Komplexität und wird für uns mit Kosten verbunden sein.

Welche Bedeutung haben für Sie externe Ratings?

GF —

Der Umgang mit Ratings gehört für uns zum Alltag. Aber: Anders als bei Kreditratings kommen ESG-Ratings zum Teil zu sehr unterschiedlichen Einstufungen. Das hängt damit zusammen, dass es bei ESG-Ratings zu Zielkonflikten kommen kann. Ein Elektroauto lässt sich aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten je nach Perspektive als gut oder weniger gut bewerten. Unabhängig davon sind wir gerade dabei, für uns einen Daten- und Ratinganbieter auszuwählen, der uns mit entsprechenden Informationen versorgt. Dabei werden wir uns für denjenigen entscheiden, bei dem die Logik für uns am nachvollziehbarsten ist. Am Ende wird das ESG-Rating für uns aber immer nur ein Teilaspekt für unsere Anlageentscheidung sein.

Inwiefern hat sich Ihre Anlagestrategie in den vergangenen Jahren verändert? Welche Investments schließen Sie heute aus, wo ist Ihr Interesse gewachsen?

GF —

Grundsätzlich kann man sagen: Das Bewusstsein für ökologische Herausforderungen ist gewachsen – bei unseren Kunden, bei unseren Mitarbeitenden und bei unseren Eigentümern, den Sparkassen. Gleichzeitig stehen uns dank der Digitalisierung für unsere Entscheidungen heute sehr viel mehr Informationen zur Verfügung. Dies haben wir für uns genutzt und unser Verständnis der nachhaltigen Kapitalanlage weiter konkretisiert. So kommen Unternehmen, die in einem Zusammenhang mit kontroversen Waffen stehen, für uns nicht in Frage. Oder auch solche nicht, die gegen den UN Global Compact verstoßen. Darüber hinaus haben wir Umsatzschwellen definiert, die ein Unternehmen maximal in den Bereichen Kohleverstromung oder Erzeugung und Förderung von Kohle aufweisen darf, damit wir sie näher in Betracht ziehen.

Und wo ist Ihr Interesse gewachsen?

GF —

Für uns sehr interessant geworden sind Unternehmen, die zur Transformation in eine nachhaltige, dekarbonisierte Wirtschaft beitragen. So investieren wir zum Beispiel heute noch stärker in Wind- und Solarparks oder auch in das Gasnetz. Gas ist zwar eine Übergangstechnologie, aber die Netze werden mittelfristig für Wasserstoff eingesetzt werden können – also für eine Ressource, die für die Lösung der Energiefrage ein wesentlicher Schlüssel sein kann.

ESG und wirtschaftlicher Erfolg – wie würden Sie das Zusammenspiel dieser Faktoren für Ihre Organisation beschreiben?

GF —

Für die Versicherungskammer – wir sind ja Treuhänder – ist es sehr relevant, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und zu bleiben. Deshalb geht es für uns darum, einen glaubwürdigen Ansatz zu verfolgen, mit dem wir beide Teile zusammenbringen können. Dabei ist es inzwischen unumstritten, dass ESG-­Aspekte den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen positiv beeinflussen können. Sie können für ein Unternehmen kurzfristig aber sehr teuer sein. In diesem Fall gilt: Wenn ein Investor seine konkreten Wertvorstellungen in einem Unternehmen abgebildet sehen möchte, dann muss er, in einem übertragenen Sinne, auch bereit sein, dafür die Kosten zu tragen.

Aus unserer Erfahrung heraus lässt sich sagen: Es gibt selten die eine oder andere „reine Wahrheit“. Und es gibt zahlreiche Unternehmen, die sehr gut zu unserer langfristig ausgerichteten und ausgewogenen Anlagestrategie passen. Was für uns aber klar ist: Für den, der werteorientiert investiert, wird der Kreis der infrage kommenden Kapitalanlagen kleiner.

Wer nachhaltig ­investiert, muss bereit sein, ­dafür die Kosten zu ­tragen.«

Die Politik gibt der Wirtschaft in Bezug auf das Thema CO2 gerade klare Leitplanken vor. Und auch sonst füllt sie den Unternehmen den Aufgaben­zettel. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

GF —

Die Regulatorik ist eine Herausforderung. Wir glauben, dass das 1,5-Grad-Ziel und der EU-Green-Deal sinnvoll sind. Und wir unterstützen die Vorhaben. Die derzeitige Handlungsdynamik würde ich aber als überambitioniert bezeichnen. Dies sieht man zum Beispiel daran, dass sich Berichtsanforderungen immer wieder verschieben, weil die dafür erforderlichen Voraussetzungen noch nicht gegeben sind. Wir sollen berichten, Daten verwalten und Strukturen aufbauen für Anforderungen, die wir jedoch noch nicht kennen. Das kann nicht funktionieren. Die Regularien wollen oftmals zu viel auf einmal und sind nicht immer ausreichend koordiniert. Das wird sich in den kommenden fünf Jahren sicher relativieren.

Diese Einschätzungen teilen Sie mit vielen anderen in der Wirtschaft. Herr Farnschläder: Wie spiegelt sich das erhöhte Nachhaltigkeitsbewusstsein auch in Ihrem persönlichen Alltag wider?

GF —

Ich habe ein Riesenglück und freue mich darüber, dass ich zu den beiden Standorten der Versicherungskammer in München mit dem Rad fahren kann. Bei den kurzen Distanzen muss ich noch nicht einmal über ein E-Bike oder E-Auto nachdenken.

Gregor ­Farnschläder

ist Hauptabteilungsleiter des Vorstandsressorts Finanzen und Kapitalanlage im Konzern Versicherungskammer. In dieser Funktion verantwortet er die strategische Asset Allocation sowie die strategischen Beteiligungen. Er ist studierter Diplomkaufmann. Nach dem Laufbahnstart bei der Deutschen Bank in Frankfurt und einer Zeit beim Versicherer AXA in Köln wechselte er vor zwei Jahrzehnten in das zentrale Controlling der Versicherungskammer. 

Die Versicherungs­kammer ist ein Personen- und Sachversicherer mit Sitz in München. Sie ist Ankeraktionär der INDUS Holding AG.

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